„Niemand hat die Absicht eine Mauer zu bauen“

Niemals würde in Deutschland eine Mauer existieren, die das Land wortwörtlich teilt. Davon waren Mitte 1961 noch alle überzeugt. Zwei Monate später stand eine Mauer in Berlin. Ein kleiner Todesstreifen drum herum war gewissermaßen ein „add-on“, doch da niemand gesagt hatte, dass man keinen Todesstreifen bauen würde, konnte dagegen nun wirklich niemand etwas sagen.

Warum aber wurde diese Mauer eigentlich gebaut? Tatsächlich sind in manchen Monaten so viele Menschen aus der DDR geflohen, wie in einer Stadt der Größe Bochums leben. Für ein Land ist so etwas natürlich nicht sonderlich gut.

Heute ist die Situation eine andere. Es kommen angeblich viel zu viele Menschen in unser Land, als dass sie daraus fliehen. Doch trotzdem sagt heute niemand:

Niemand hat die Absicht

auf Flüchtlinge zu schießen

Stattdessen wird schon vom Gegenteil gesprochen.

Natürlich ist dieses Zitat jetzt vollkommen aus dem Zusammenhang gerissen: Damit man uns nicht vorwerfen kann, nur die Hälfte des Bildes zu zeigen, schauen wir uns einmal das ganze Bild an:

In Syrien herrscht ein schrecklicher Bürgerkrieg. Dieser Krieg hat die Menschen in Syrien dazu veranlasst, aus ihrem Land zu fliehen. Unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die Grenzen unserer Nation geöffnet, nachdem die syrischen Flüchtlinge vor der Haustür Europas kurz davor standen zu verhungern.

Jetzt kommen täglich mehrere tausend Flüchtlinge nach Deutschland. Doch können wir ihnen wirklich übel nehmen, vor Krieg und Verfolgung zu fliehen? Können wir Angela Merkel übel nehmen, so viel Menschlichkeit zu besitzen, dass sie ihre Mitmenschen nicht verhungern lässt?

Würden wir nicht auch fliehen, wenn wir uns täglich fragen müssten, ob unser Zuhause noch steht, wenn wir vom Einkaufen zurückkommen, oder ob in der Zeit eine Bombe eingeschlagen ist. Und können wir wirklich dabei zusehen, dass unsere Mitmenschen vor unseren Türen verhungern, während wir hier im Überfluss leben?

Bezeichnen wir Europa nicht immerhin als Bollwerk für Freiheit und Gerechtigkeit? Was für ein Sinn ergibt ein solches Bollwerk, wenn die Freiheit innerhalb von europäischen Grenzen eingesperrt ist und wenn die europäische Gerechtigkeit an unseren Grenzen aufhört? Sollte ein solches Bollwerk nicht die Freiheit verteidigen, wo auch immer es nötig ist? Und sollten wir, die wir es können, nicht für Gerechtigkeit einstehen? Stattdessen streiten wir uns darüber, wie man Flüchtlinge aus unserem Land wieder rausbekommt, beziehungsweise wie man es schafft, dass sie gar nicht erst in unser Land kommen.

Wir könnten natürlich eine Mauer bauen, uns auf diese Mauer stellen und auf jeden schießen, der versucht, diesen Grund und Boden zu erreichen, doch würde es dann nicht einmal mehr innerhalb von Europa Freiheit und Gerechtigkeit geben.

Und warum sollten wir das überhaupt tun? Deutschland hat viele Flüchtlinge aufgenommen und am Anfang sah alles vielleicht tatsächlich etwas chaotisch aus, doch welche Opfer mussten wir denn schon bringen?

Manche Schulen mussten ihre Turnhallen als Notunterkünfte einsetzten. Manche Städte mussten vermehrt Räumlichkeiten zur Verfügung stellen, in denen man Menschen unterbringen konnte.

Was waren also die großen Opfer, die wir gebracht haben? Auf den Sportunterricht verzichten? Eventuell andere Räumlichkeiten für den Vereinssport suchen und dann im Fußball von einem Syrer besiegt werden?

Im Vergleich zu anderen Krisen, die man erlebt hat, sieht das ganze relativ harmlos aus.

In der Finanzkrise 2007 lebten die Menschen in den Vereinigten Staaten von Amerika selber in Zeltstädten, weil ihnen ihre Häuser weggenommen wurden. Diese Menschen haben all ihre Ersparnisse verloren, ihren Job und ihr Heim.

Wir haben den Ort verloren, an dem wir Sport gemacht haben.

Und wenn wir es nicht wollen, dann müssen wir uns damit nicht einmal großartig auseinandersetzten.

Das enorme ehrenamtliche Engagement hat nicht aufgehört. Die Menschen werden integriert, lernen unsere Sprache und Kultur kennen und können schon teilweise nach einer vergleichsweise kurzen Zeit arbeiten.

So viel erst einmal zum Kontext der Situation.

Vergessen wir jetzt einmal, dass wir die Situation problemlos in den Griff bekommen haben und vergessen wir einmal diese Opfer, die wir bis jetzt schon bringen mussten, und vergessen wir auch einmal die schlechten Erfahrungen, die wir mit Mauern und Grenzzäunen gemacht haben, haben wir als Menschen nicht eine Verantwortung gegenüber unseren Mitmenschen? Müssen wir nicht gerade in solchen Situationen, in denen eben nicht alles einfach ist, zusammenstehen?

Und warum spricht man heute davon, Menschen mit Waffengewalt aus unserem Land auszusperren, während man vor 50-Jahren Mauern gebaut hat, um Menschen in einem Land drin zu behalten?

Natürlich muss man eine Lösung finden, natürlich kann Deutschland nicht die ganze Welt aufnehmen, doch können wir, als Menschen, tatenlos zusehen, wie unsere Mitmenschen verhungern, ermordet und verfolgt werden? Können wir guten Gewissens unseren Wohlstand auf den Knochen anderer erhalten?

Wollen Sie in einer Welt leben, in der Ihre Freiheit durch die Gefangenschaft anderer erkauft wird und Ihr Wohlstand mit der Armut anderer?

Oder wollen Sie in einer Welt des Friedens und der Toleranz leben, des Wohlstands und der Freiheit.

Egal über wie viel Lebenserfahrung man verfügt, eines sollte jedem Menschen bewusst sein:

Nichts, was es sich zu haben lohnt, fällt einem einfach so in den Schoß. Man muss um die Dinge kämpfen, die man haben will. Wollen wir eine gerechte Welt? Dann müssen wir alle, egal wo wir herkommen, aufhören darüber zu jammern, wie ungerecht die Welt von heute ist und anfangen etwas daran zu ändern.

Wir, die wir alle Möglichkeiten haben uns in unserem demokratischen System einzubringen, in unserem System für die Dinge einzustehen, die wir wollen, wir schaffen es nicht, uns zusammenzureißen und aufzustehen, zu sagen, was wir wollen und das zu zeigen. Die Menschen in Europa standen vor weniger als 200 Jahren auf den Barrikaden, um für die Dinge einzustehen, an die sie geglaubt haben. Sie hatten keine demokratischen Rechte, nicht das Recht auf Selbstbestimmung, geschweige denn Freiheit und trotzdem, oder gerade deshalb, haben sie keine Mühen gescheut, um dafür zu kämpfen.

Vielleicht sind wir heute viel zu verhätschelt, um noch für etwas zu kämpfen, doch ich glaube das nicht. Ich glaube, dass wir immer noch weiter gehen können, zu mehr Einheit, zu mehr Freiheit, zu mehr Demokratie. Jeder von uns kann das.

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