Ganz und gar uneuropäisch

„Take back control“ oder „We want our country back“. So hießen die Wahlslogans der Brexit-Kampagne, die lautstark vom Konservativen Boris Johnson und UKIP-Chef Nigel Farage propagiert wurden. Beide stehlen sich nun aus der Verantwortung, um die Folgen nicht ausbaden zu müssen. Dieses Horrorszenario haben sie mit Lügen, wie einer angeblich wöchentlichen 350 Millionen Pfund Zahlung an die EU oder überspitzten und unverhältnismäßigen Äußerungen bezüglich einer Unterdrückung durch Brüssel erreicht.

Diesen von Farage ausgerufenen britischen „Independence Day“ hat auch die berüchtigte britische Boulevardpresse durch eine massive Unterstützung der Brexit-Kampagne herbeigeführt. „Daily Express“, „Daily Mirror“ oder die „Sun“, um nur wenige zu nennen, machten aktiv Stimmung gegen Brüssel. Durch lächerliche Schlagzeilen, wie eine Unterstützung des Brexits durch die Queen begab sich die Boulevardpresse noch unter das Niveau von Johnson und Farage.

Dennoch gelang es der Leave-Kampagne 51,9% der Briten für den EU-Ausstieg zu überzeugen und damit einen politischen Erdrutsch auszulösen. Dabei waren es vor allem ältere Leute sowie die ländliche Bevölkerung aus England und Wales, die das Referendum entschieden haben.

Neben der Flüchtlingskrise, die momentan allen antidemokratischen und antieuropäischen Bewegungen und Parteien in die Hände spielt, wurde vor allem auf eine angeblich vorherrschende Unterdrückung durch die EU-Führung in Brüssel aufmerksam gemacht. Diese Bürokraten würden den Briten ihre Selbstbestimmung und Souveränität nehmen.

Diese Argumente sind natürlich absoluter Schwachsinn und vollkommen absurd, dennoch nicht ganz unklug gewählt. Die Brexit-Kampagne hat mit altbewährten Strategien diesen Wahlkampf bestritten und konnte ihn auch erfolgreich gestalten, wie es ihnen schon zahlreiche Europa-Skeptiker vorgemacht haben. Schließlich ist ja kein Zufall, dass es ausgerechnet mal wieder die Briten sind, die Europa einen Denkzettel verpassen und auf Alleingang setzen.

Denn schon immer war die Beziehung zwischen Großbritannien und dem europäischen Festland kompliziert, teilweise von Misstrauen geprägt. Das mag einerseits an der geographischen Lage liegen. Als Insel ist man oft außen vor und isoliert. So erwächst das Bewusstsein eine Sonderstellung einzunehmen. Nicht umsonst sprechen die Briten, wenn sie die EU meinen von „denen“ und nicht von „uns“. Selbst der Initiator und noch tätige Premierminister David Cameron, vor dem Referendum bekennender Europakritiker, stellt fest „We have the character of an island nation“. Und diese Inselnation steht für Distanz durch das Meer. Man ist eben anders und das liegt nicht nur am Linksverkehr oder einem ungewöhnlich schwarzen Humor.

Dennoch müssen sich die Briten eingestehen, dass gerade Großbritannien in der europäischen Geschichte keinen distanzierten oder unerheblichen Einfluss hatte. Sei es als Antrieb der Industrialisierung, als Vorbild für modernen Parlamentarismus, als Streitkraft in den Weltkriegen oder als Gestalter der Bundesrepublik Deutschland.

Ruhm von gestern

Vor allem aber betont der Brite gerne die internationalen Verknüpfungen Großbritanniens. Er ist stolz über die Reichweite des ehemaligen Empires, das als Seemacht vom 18. Jahrhundert bis zum 1.Weltkrieg als die Weltmacht schlechthin galt und damit mehrere Generationen prägte. Das Commonwealth hält heute noch immer die ehemaligen Kolonien zusammen.

So  hält sich die Illusion Großbritannien müsse sich vor keinem verstecken und sei weiterhin eine echte Macht. Dieses starke Land brauche doch keine EU, die lediglich Geld raube und bürokratische Gesetze diktiere. Früher konnten wir schließlich auch unsere eigenen Gesetze machen und alles war besser.

Solche Sätze haben wir oft vom Großteil der älteren Bevölkerung gehört. Doch das Commonwealth ist eine lose Vereinigung, die nicht mit der EU zu vergleichen ist. Das Empire ist Geschichte und Großbritannien wurde längst von den USA als die große Weltmacht abgelöst und ein Alleingang ist in einer globalisierten Welt einfach nicht mehr möglich. Eigentlich schade, denn diese älteren Leute müssten auch wissen, dass Großbritannien den Frieden in Europa immer gefördert hat, dessen Garantie nun einmal die EU ist.

Dieses Streben nach alter Macht könnte jetzt nach hinten losgehen. Die „kleine, alte Insel“, wie die Global Times titelte könnte noch kleiner und unwichtiger werden. Die Schotten wollen in der EU bleiben und streben ein zweites Unabhängigkeitsreferendum nach 2014 an. Damals war das Hauptargument für die Bindung an London die EU. Wirtschaftlich ist Schottland eine wichtige Säule der britischen Wirtschaft. Es wäre also ein schwerer Verlust. Nordirland ist mit dem EU-Austritt ebenso wenig zufrieden. Auch hier votierte man für den EU-Verbleib. Die irischen Nationalisten bringen schon eine Wiedervereinigung mit der Republik Irland ins Gespräch, denn eine EU-Außengrenze zwischen Irland und Nordirland ist nicht vorstellbar. Damit würde statt „Make Britain great again“ ein Kleinbritannien mit England und Wales entstehen.

Doch warum entlädt sich dieses britische Machtgehabe ausgerechnet auf die EU? Immerhin kann man auf über 40 gemeinsame Jahre zurückblicken, die alles andere als erfolgslos waren? Trotzdem führte diese eigene Mentalität auch in der Vergangenheit zu Komplikationen zwischen Großbritannien und der EU. Seit der Gründung der EWG, einer Vororganisation der EU, 1957 durch Frankreich, die Bundesrepublik, Italien und die Benelux-Staaten, steht Großbritannien dieser Organisation skeptisch gegenüber. Das Problem ist nur, dass die Mitgliedsstaaten nach der Gründung wirtschaftlich aufblühten. Auf der Insel dagegen hinkte man hinterher und so sah sich Premierminister Macmillan gezwungen beizutreten. Die britische Seite formulierte also ein Beitrittsgesuch an die EWG, jedoch mit der Vorstellung, auch die EWG müsse sich an das neue Mitglied anpassen. Das veranlasste den französischen Präsidenten Charles de Gaulle sein Vetorecht zu nutzen, da Großbritannien „ganz und gar uneuropäisch“ sei. 1967 blockierte de Gaulle erneut den Beitritt, da in der britischen Regierung durch ein Hin und Her zwischen Europagegnern und -befürwortern Chaos herrschte.

Wenn wir das hören fallen uns erstaunliche Parallelen zu heute auf. De Gaulle hatte schlicht keine Lust den so wertvollen Frieden durch ein in sich zerrissenes Land stören zu lassen. Heute muss man sagen, was ihn damals abgeschreckt hat, führte vor ein paar Wochen zum Brexit.

Doch nach seinem Tod gelang den Briten die Aufnahme in die EG mit einem europafreundlichen Premierminister und schon beginnt das Chaos. Sofort werden antieuropäische Stimmen laut und es kommt zu einem Phänomen, dass irgendwann in den Austritt führen musste. Im folgenden Wahlkampf spezialisierte sich Herausforderer Wilson auf eine Anti-Europa Strategie und gewann die Wahl. Möchte man in die Downing Street 10 einziehen, empfiehlt es sich ein Europaskeptiker zu sein. Das ist einfach immer erfolgreich. Wilson, Margaret Thatcher und David Cameron haben es vorgemacht. Boris Johnson hätte ebenfalls gute Karten gehabt, wenn er denn nicht zurückgezogen hätte. Briten sind also besonders empfänglich für Parolen, wie aus dem vergangenen Wahlkampf.

Ständige Extrawünsche

Nun war man aber 40 Jahre in der EU bzw. EG und so schlecht lief es auch gar nicht, sonst wäre so ein langer Zeitraum gar nicht möglich gewesen. Trotzdem nerven die Briten die EU immer wieder mit diversen Forderungen nach Ausnahmeregelungen. Daraus entwickelte sich der bekannte Begriff der britischen Extrawurst. Kurz nach dem Beitritt verhandelte der angesprochene Wilson die Beitrittsbedingungen nach. Er versprach auch ein Referendum, das aber diesmal mit 67% klar für die EG ausfällt. Auch dank der Unterstützung von Margaret Thatcher. Die eiserne Lady wandelte sich jedoch im Verlauf ihrer langen Amtszeit zu einer erbitterten Europakritikerin.

Mit der berühmten Aussage „We want our money back“ erzwang sie den sogenannten Briten-Rabatt, um weniger in den EU-Haushalt einzahlen zu müssen. Das ist übrigens der Grund, warum die 350 Millionen Aussage, eine Lüge ist, auch wenn man die Rückzahlungen an London ignoriert. Wollen wir in das Vereinigte Königreich reisen, müssen wir eine Passkontrolle über uns ergehen lassen. Auch ein Verdienst von Margaret Thatcher. Sie weigerte sich am Schengen-Abkommen teilzunehmen und später auch noch an der Euro-Zone.

Man muss jedoch auch die Premierminister, vor allem aus der Konservativen Partei schützen. Aus der Regierung kommt oftmals ein ungeheurer Druck, der auch David Cameron einknicken ließ. Der einstige Europaskeptiker, der 2009 durch den Austritt aus der Europäischen Volkspartei im EU-Parlament Aufsehen erregte, versprach das Referendum und musste auf einmal für die EU sprechen. Eine exzellente Ausgangsposition für seine Konkurrenten.

Was lernen wir daraus? Schon de Gaulle erahnte, dass die Briten nicht nach Europa passten durch ihr Selbstverständnis und ihre Anpassungsresistenz. Das soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass Großbritannien und die EU zusammen stärker sind, denn die EU wurde schließlich gegründet, um den Frieden zu sichern sowie den Kontinent zusammenwachsen zu lassen und es ist schade, dass die Briten nicht mehr mitmachen. Doch kam der Brexit nicht aus dem Nichts.

Für die die neue Premierministerin Theresa May muss es trotz alledem jetzt darum gehen, den Austritt ordentlich und ohne Verzögerungen durchzuführen und das zerrissene Land zu einen. Das überhitzte politische Klima, das in den Mord an Jo Cox geführt hat muss dringend beruhigt werden.

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