EMPÖRT EUCH!

Als Jugend, als Teil der Gesellschaft, wollen wir auf die Streitschrift von Stéphane Hessel, einem französischen Diplomaten deutscher Herkunft, antworten.

Wir wollen mit dem Antworten, wozu er uns aufforderte: Mit Empörung!

Empörung über die Gesellschaft, Empörung über die Politik und die Wirtschaft. Empörung darüber, wie lange wir selber gebraucht haben, um uns aufzuraffen, um uns zu entschließen, selber aktiv zu werden und das zu ändern, was uns empört.

Denn „das Schlimmste ist die Gleichgültigkeit“, denn wenn wir unserer Welt gegenüber gleichgültig sind, dann verlieren wir die Fähigkeit, uns zu engagieren, wir verlieren die Fähigkeit, um das zu kämpfen, was uns wichtig ist.

Und wenn uns nicht die Welt wichtig ist, in der wir leben, was soll uns dann noch wichtig sein?

Es gibt viele Fronten, an denen die Welt des 21. Jahrhunderts auseinander zu brechen droht.

Die Überlastung des Sozialstaates, der kaum noch die Gelder für die Renten zahlen kann.

Das Misstrauen gegenüber Zuwanderern und Fremden.

Die Angst vor Terrorismus und Krieg, vor Verfolgung und Hass.

Die Macht des Geldes, eines international agierenden Finanzkapitals und eine Politik, die sich nicht mehr dagegen auflehnt, sondern die Machtverhältnisse akzeptiert.

Eine Politik, die bei globalen Streitfragen zu keiner Einigung kommt, aufgrund der Vergangenheit und die Menschen sterben lässt, während Verhandlungen scheitern.

Menschenrechte werden mit Füßen getreten, in der gesamten Welt.

Menschen hungern und verdursten, während auf der anderen Straßenseite Getreide verschimmelt, weil der Besitzer auf einen besseren Marktpreis wartet.

Die Gesellschaft beginnt sich zu radikalisieren.

Wir haben die AfD in Deutschland, die fordert, man solle die deutschen Grenzen schließen und sich um die nationalen Angelegenheiten kümmern. Glauben wir wirklich daran, dass wir mit nationalstaatlichen Mitteln auf internationale Probleme reagieren können? Wie das aussieht, sehen wir am Beispiel Nord Koreas und damit möchte nun wirklich kein AfD-Wähler tauschen.

Wir haben einen Donald Trump in den USA, der tatsächlich eine Mauer nach Mexiko bauen möchte, was bereits 60% der amerikanischen Jugendlichen dazu veranlasste, ihre Ausreise bei einer Präsidentschaft Trumps anzukündigen.

Wir haben den Front National in Frankreich und die UKIP in Großbritannien.

In Polen entmachtet die Nationalkonservative Regierung das Verfassungsgericht und die Medien.

In zehn polnischen Fernsehkanälen sieht man mittlerweile dieselben Moderatoren, weil es sonst keine mehr gibt.

Der Klimawandel schreitet schneller voran, als man es sich vorstellen könnte und das Abkommen von Paris wird schon während der Abstimmung als unrealistisch bezeichnet, weil es sofortige Änderungen fordern würde. Doch wenn es notwendig ist, etwas zu ändern, warum tut man es dann nicht?

Mit was kann man auf diese Entwicklungen reagieren, wenn nicht mit Empörung? Es ist doch unsere Welt, die da verspielt wird und eine andere haben wir nicht.

Wir leben am Anfang des 21. Jahrhunderts und einigen von uns wird es vergönnt sein, das gesamte 21. Jahrhundert mitzuerleben und mitzugestalten.

Wir mögen uns hohe Ziele stecken, doch begann man das letzte Jahrhundert nicht mit einem Weltkrieg? Man ließ eine Weltwirtschaftskrise und noch einen Weltkrieg folgen, man brachte den Planeten im Kalten Krieg vor den Abgrund, die totale Zerstörung.

Am Ende von diesem durch Krieg und Verfolgung, durch Verluste und Ängste geprägten Jahrhunderts schufen die Menschen eine europäische Gemeinschaft, die in die Europäische Union münden sollte, eine Weltgemeinschaft, die uns in die Vereinten Nationen führen sollte.

Nachdem die Menschheit den Abgrund gesehen hatte erklärte man die Menschenrechte und sicherte sie einem jeden Menschen zu.

Wir sehen all das Gute des letzten Jahrhunderts trotz der gewaltigen Vernichtung, dem Hass und der Angst. Wir sehen die Sternstunden der Menschheit und ihre Abgründe.

Wir sehen die Fehler des vergangenen Zeitalters und wir können aus ihnen lernen.

Doch es kommt ein Punkt, an dem wir aufhören müssen, auf die Vergangenheit zu schauen, auf die Siege und Niederlage, das Richtige und das Falsche.

Es kommt der Punkt, an dem wir selber anfangen müssen, richtig und falsch zu handeln, an dem wir siegen oder scheitern werden.

Es kommt ein Punkt, an dem die Geschichte des 21. Jahrhunderts nicht länger durch die Verfehlungen des letzten Jahrhunderts bestimmt werden darf, sondern nur durch uns, die Menschen dieser Zeit.

Wir dürfen die Probleme unserer Zeit nicht aufschieben, wir dürfen sie nicht als unlösbar akzeptieren, sondern wir müssen nach Lösungen suchen, wir müssen diese Lösungen umsetzten.

Und es gibt Lösungen zu all diesen Problemen.

Es fehlt uns nur der Mut zu Visionen, der Mut etwas Neues zu schaffen, Widerstand zu leisten.

„Neuen schaffen heißt

Widerstand leisten.

Widerstand leisten heißt

Neues schaffen“

Worüber wollen wir uns empören? Worüber empören sich denn die anderen? In Deutschland empört sich die AfD über die Zuwanderung der vielen Flüchtlinge, die in unser Land strömen. Doch empören sie sich über den Krieg in Syrien? Empören sie sich darüber, dass die Menschen verfolgt werden, dass die Menschen ihre Heimat brennend zurücklassen mussten, ihre Familie und Freunde und in ein fremdes Land aufgebrochen sind, von dem sie sich nichts versprochen haben, außer Frieden, Ordnung und Sicherheit? Empört sich jemand über das Schneckentempo, in dem die Verhandlungen fortschreiten, weil sich Assad an keinen Waffenstillstand hält, weil die Amerikaner nicht mit Assad verhandeln wollen.

Sind wir wirklich in einer Position, in der wir uns unsere Gesprächspartner aussuchen können?

Doch all das betrifft uns ja nicht. Doch hier kommt die Schlagzeile:

Was in der Welt passiert, betrifft uns, denn es kommt zu uns.

Würde sich die AfD über den Facharbeitermangel in Deutschland empören und darüber, dass weniger junge Leute für immer mehr Alte zahlen, dann würden sie die Flüchtlinge mit offenen Armen empfangen. Denn die kommen nicht nur mit einer Ausbildung in unser Land, sondern auch voller Dankbarkeit und Motivation.

Das, worüber sich die einen voller Ignoranz und Intoleranz empören ist die Lösung zum eigentlichen Problem.

Und würde man sich nicht darüber empören, dass Deutschland alle Flüchtlinge aufnimmt, sondern darüber, dass keines der EU-Mitgliedsstaaten sich an die Anweisungen aus Brüssel hält, dann würde man vielleicht sehen, dass die EU nicht das Problem ist, über das man sich empören sollte, sondern die Lösung.

Würden die EU-Staaten im Sinne von dem Handeln, was man mal als europäische Prinzipien bezeichnet hat, Freiheit, Gerechtigkeit und Brüderlichkeit, dann gäbe es keine Krise.

Gäbe es tatsächlich ein geeintes Europa, dann gäbe es keine europäische Krise.

Wir empören uns darüber, dass die Menschen aus wirtschaftlichen Gründen aus ihren Ländern fliehen, doch empören wir uns darüber, dass es europäische und amerikanische Unternehmen sind, die die wirtschaftlichen Bedingungen so sehr verschlechtert haben, dass die Menschen nichts mehr hatten, als die Flucht?

Wir empören uns darüber, dass unser Planet zerstört wird, doch empören wir uns nicht über den günstigen Benzinpreis für unsere Autos.

Wir sehen also, dass wir kein Problem mit Empörung haben, wir empören uns nur über die falschen Sachen.

Empören wir uns über die richtigen Sachen, engagieren wir uns für etwas Gutes und streben wir für die Zukunft nach Visionen, die wir als unrealistisch empfinden.

Denn vor 100 Jahre glaubte niemand an ein demokratisches Deutschland, niemand glaubte daran, dass Deutsche und Franzosen mal Freunde, Brüder in der Politik würden, geschweige denn an eine europäische Gemeinschaft oder eine Weltgemeinschaft. Von Menschenrechten müssen wir gar nicht erst anfangen.

Lassen wir also Visionen zu von einem tatsächlich geeinten Europa, von einer tatsächlich geeinten Welt.

Hören wir auf uns als Deutsche und Franzosen, als Italiener und Spanier zu sehen, sondern sehen wir uns als Europäer. Und hören wir danach auf, uns als Europäer zu sehen, hören wir auf, den Syrer als Fremden zu betrachten, sondern betrachten wir ihn als Nachbarn. Hören wir auf die Gesellschaft zu unterteilen nach den Orten, von denen wir kommen und fangen an uns als Menschen, als Mitmenschen, zu sehen.

Der einzige Feind der Menschheit

Ist der Mensch.

Denken wir an Visionäre wir Stéphane Hessel, der zwei Konzentrationslager überlebte und danach den Aufbau der Vereinten Nationen unterstütze und beginnen wir unsere eigenen Visionen aufzustellen. Vielleicht werden wir sie nicht erreichen, doch wir werden etwas erreichen.

Wir für unseren Teil haben uns entschlossen, etwas zu tun, und wir hoffen, auch Sie dazu bewegen zu können.

Empören Sie sich nicht um der Empörung willen, sondern versuchen Sie das zu ändern, was sie empört.

Wir werden etwas tun, denn WE GO FURTHER.

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