Die Politischen Spiele

Die Politik soll sich aus dem Sport heraushalten. Das hätte wohl auch Pierre de Coubertin so gesagt. Der Gründer der Olympischen Spiele der Neuzeit wollte durch dieses Ereignis eine Völkerverständigung in Gang setzen, um in der modernen Welt nationale Egoismen zurückzudrängen.

Ob er mit der heutigen Situation der Spiele einverstanden wäre? Im Hinblick auf die sportliche Wichtigkeit und Aufmerksamkeit bestimmt. Bezüglich des Einflusses von unsportlichen Faktoren eher nicht.

Ohne Zweifel haben wir herausragende Olympische Spiele erlebt. In der jüngeren Vergangenheit haben Vancouver 2010 oder London 2012 tolle Leistungen geboten. Eigentlich waren diese Politischen Spiele doch vorbei. Natürlich denken wir dabei sofort an die Berliner Nazi-Show von 1936, die Ermordung der israelischen Delegierten durch palästinensische Terroristen in München 1972 oder die Phase des Boykotts durch den Kalten Krieg 1980 in Moskau und 1984 in Los Angeles.

Olympische Spiele laden natürlich zu politischen Statements jeglicher Art ein. Weltweite Aufmerksamkeit, Milliarden Zuschauer im Stadion und an den Fernsehbildschirmen, Spektakel bei Eröffnungsfeiern und Wettkämpfen.

Momentan erleben wir zweifellos wieder großartige Leistungen der Sportler  in Rio, doch es häufen sich Zwischenfälle, die nichts mit dem Sport zu tun haben sollten. Erleben wir also eine Rückkehr in die Zeit der Politischen Spiele?

Wir beobachten einige kleinere Vorfälle gegen Israelis, die von großer Respektlosigkeit zeugen und dringendst geahndet werden müssen. Auch das Schweigen des ungarischen Fernsehkommentators gegenüber der syrischen Schwimmerin aus dem Flüchtlingsteam sorgt zu Recht für Empörung. Diesen Leuten sollte die olympische Bühne nicht gegeben werden.

Ausrichter ist das Problem

Doch neben den Ausgrenzungen machen vor allem die politischen Umstände im Ausrichterland Brasilien diese Spiele politisch.

Fußballfans konnten die Zustände in Brasilien schon 2014 beobachten. Fünf Jahre vorher, 2009, wurden die Spiele nach Rio vergeben, damals zumindest keine vollkommen abwegige Entscheidung als aufstrebendes Schwellenland mit starker Wirtschaft. Doch heute ist das Elend durch die Verteilung der Spiele auf die ganze Stadt nicht zu verstecken. Dabei kann man Rio als Sinnbild für den gesamten Staat sehen.

Neben den beeindruckenden Stränden an der Copacabana prägen die Favelas, die Armenviertel, das Stadtbild. Trotz erhöhter Polizeipräsenz ist die Kriminalität explodiert. Neben den öffentlich gewordenen Überfällen auf Sportler und Touristen gehören Drogengeschäfte zum Alltag der Armenviertel. Teilweise kontrollieren diese Drogenbanden ganze Viertel und bringen die unschuldigen Menschen durch Schießereien mit der Polizei in Gefahr.

Der Anstieg der Kriminalität ist eindeutig mit der Wirtschaftskrise zu erklären. Nach dem hoffnungsvollen Aufstieg bricht die Wirtschaftsleistung 2015 um 3,5% ein. Diese Rezession führt zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit, einer Erhöhung der Schulden auf 75%  des BIP. Durch die einsetzende Inflation steigen die Preise. Das Staatsdefizit führt dazu, dass keine Investitionen in die marode Infrastruktur getätigt werden können.

Auch politisch versinkt das Land im Chaos. Präsidentin Dilma Roussef ist suspendiert worden. Ihr wird vorgeworfen, Geld ohne Zustimmung des Kongresses ausgegeben und Haushaltszahlen geschönt zu haben, um ihre Chancen bei der vergangenen Wahl zu erhöhen. Das Land ist in dieser Frage gespalten. Unterstützer Roussefs sehen in der Suspendierung einen Putsch des designierten Nachfolgers Michel Temer, der bei der Eröffnungsfeier gnadenlos ausgepfiffen wurde. In so einem gespaltenen, politisch unsicheren, armen, teilweise korrupten Land können Olympische Spiele nicht funktionieren.

Alleine schon der finanzielle Aufwand. 10 Milliarden Euro sind nach einer teuren WM für ein finanziell schwaches Land nicht zu tragen. Die Paralympics stehen aufgrund der Finanzen auf der Kippe. Wenn Hamburg und München bei der Kalkulation schon unsicher sind, dann wird es Rio auch nicht hinkriegen.

Zu viele Sportarten

Das Problem der hohen Kosten sind zu viele Sportarten im Programm. Das heißt mehr Sportstätten bauen zu müssen und mehr Material oder Geräte zu finanzieren. In der Form, in der Olympia jetzt existiert können nur finanziell starke Städte und Länder Spiele in so einem Umfang austragen, die schon auf bestehende Sportstätten zurückgreifen können.

Kein Wunder, dass die Bevölkerung den Stadien fernbleibt. Erstens will keiner diese Randsportarten sehen und zweitens sieht doch jeder die Ungerechtigkeit, wenn man selbst in den Armenvierteln lebt und gleichzeitig 20 neue Sportstadien gebaut werden. Bei aller Sportbegeisterung der Brasilianer, die sich beim Fußball oder Beachvolleyball zeigt, wer möchte dem korrupten brasilianischen Sport noch Geld zuschieben?

Der Ruf Olympias hat generell gelitten. In Deutschland wurden Bewerbungen per Volksentscheid abgelehnt. Daran hat das IOC keine Unschuld. Viele Mitglieder gelten als korrupt. Ihnen droht dasselbe Schicksal wie der FIFA, der keiner mehr traut.

IOC handelt inkonsequent

Das russische Staatsdoping, das auch Manipulationen der Dopingproben bei den Winterspielen in Sotchi 2014 betrifft, sorgt immer noch für Aufregung. Russland ist seit Jahren bei Olympischen Spielen eine der besten Nationen und lag 2014 im Medaillenspiegel vorne. Beim Staatsdoping muss man davon ausgehen, dass nahezu jeder Athlet beteiligt ist.

So beschließt der Leichtathletikverband alle Russen auszuschließen. Diese Konsequenz hätte man sich auch vom IOC gewünscht und so einen Komplettausschluss bewirkt. Einen bitteren Beigeschmack liefert die Entscheidung, da IOC-Präsident Bach und der russische Präsident Putin als Freunde gelten.

Grundsätzlich sollte jedem Sportler das Doping vor dem Ausschluss nachgewiesen werden, doch in diesem Fall warten die sauberen Sportler auf ein Zeichen gegen das Doping, denn es gibt nichts Schlimmeres für einen Sportler, als die Ungewissheit über die Sauberkeit der stärkeren Mitstreiter.

Hier in Deutschland wird konsequent gegen Doping vorgegangen, doch das ist nicht überall so und so entstehen verseuchte Sportarten wie Gewichtheben. Die Weltantidopingagentur WADA muss die Kontrollen gleichschalten, um gegen Staatsdoping vorzugehen.

Politik und Sport wird man nie ganz trennen können, doch der Sport hat das Potenzial positiv die Politik zu beeinflussen und Zeichen gegen Rassismus, Korruption und Ausgrenzung zu setzen, wenn man sich auf die olympischen Ideale besinnt.