Die britische „Extrawurst“

„Wir wollen die Briten gerne überzeugen in der EU zu bleiben, aber die EU immer weiter zu verbessern, bis der Cameron uns endlich sexy findet, so geht es auch nicht“, singt der West Deutsche Rundfunk nach dem EU-Gipfel, nachdem der Austritt Großbritanniens abgewendet sein könnte. Oder auch nicht?

Vielleicht hat Europa wirklich nicht genügend Sexappeal, um Cameron zum bleiben zu überreden, doch konnte er sich zumindest laut diverser Medien siegesgewiss präsentieren. Immerhin hat er auch die meisten seiner Forderungen umgesetzt.

Zum Beispiel hat Großbritannien jetzt ein Mitspracherecht bei Fragen der Euro-Zone, doch ist das Land nicht einmal Mitglied der Euro-Zone.

Vielleicht sollten wir auch mal fragen, ob wir nicht ein Mitspracherecht bei Fragen der britischen Pfund bekommen? Das klingt doch nur fair.

Was genau bedeuten Camerons Forderungen für die EU überhaupt?

Die Europäische Union ist ein Zusammenschluss der europäischen Staaten auf einer vor allem wirtschaftlichen Ebene gewesen und hat sich immer mehr ausgeweitet auch auf die Politik.

Leitgedanke bei diesem Zusammenschluss war aber immer die Souveränität der einzelnen Staaten Europas, doch das ist jetzt schon über 60 Jahre her.

Vor 60 Jahren lebten wir im Europa der Nationalstaaten und es galt die nationalstaatliche Souveränität auf jedem Fall zu verteidigen. Und was hat uns das Europa der Nationalstaaten gebracht?

Zwei Weltkriege in denen wir gesehen haben, wozu der Mensch fähig ist und einen Kalten Krieg, in dem der Planet kurz vor der absoluten Zerstörung stand.

Damit derartige Kriege niemals wieder auf europäischen Boden stattfinden, wurde die europäische Gemeinschaft begründet. Ein Zusammenschluss von Staaten, die miteinander verhandeln, anstatt sich zu bekriegen.

Doch statt zuzulassen, dass sich die Europäische Union immer weiter entwickelt und wir gerade in Zeiten der Krisen als Europa zusammen stehen, werden in dem Moment, in dem es besonders schlecht um Europa steht Forderungen der Mitgliedsstaaten laut, sich weniger an Europa zu beteiligen.

Schauen wir uns Europa doch im Moment einmal an. Es spricht zwar kaum noch einer über die Euro-Krise und die Zahlungsunfähigkeit der Griechen, doch hat das Geld dort nicht angefangen, auf Bäumen zu wachsen, sodass die Probleme gelöst wären.

Die Flüchtlingsströme, die nach Europa kommen, werden seit der Grenzschließung Österreichs und Schwedens nun fast vollständig von Deutschland übernommen, was wirtschaftlich gesehen von Deutschland bewältigt werden könnte, doch sich in keinem Fall mit der europäischen Idee vereinbaren lässt.

Und Brüssel schreit und tobt und schmollt, weil niemand auf die Lösungsvorschläge hört, die vom Parlament und der Kommission gemacht werden.

Stattdessen legt man noch zusätzlich Forderungen auf den Tisch.

Gerade die Britin mit ihrem Angedrohten Referendum üben Druck aus auf Brüssel um ihre Forderungen durchzusetzen.

Mehr Mitspracherecht und weniger Verantwortung. So könnte man Camerons Forderungen zusammenfassen.

Großbritannien will sich nicht weiter am Zusammenwachsen Europas beteiligen, doch wollen sie bei allen Fragen mehr Mitspracherecht haben.

Besonders interessant erscheint das Ganze bei Camerons Forderungen über die Sozialleistungen, die an Zuwanderer gezahlt werden müssen. Dass diese nämlich eben nicht mehr gezahlt werden müssen, begründet er ganz simpel:

Keine Leistung

Ohne Gegenleistung

Die Menschen in Großbritannien müssen also tatsächlich Leistungen erbringen, um Gegenleistungen zu bekommen? Das erscheint komisch, wenn man sich Camerons Forderungen ansieht, da auch er mehr europäische Leistungen will, wie das Mitspracherecht in Angelegenheiten der Euro-Zone. Heißt das etwa, dass wir mit größeren Gegenleistungen aus Großbritannien rechnen müssen? Wie sollten diese aussehen? Eine größere Beteiligung des Landes in EU-Angelegenheiten kann es nicht sein. Es ist ein Paradoxon.

Aber was hat die EU Großbritannien getan? Vielleicht war es der wirtschaftliche Aufschwung, den die Staaten Europas seit dem Zusammenschluss zu einer Gemeinschaft erleben oder vielleicht war es auch die lange Periode des Friedens in Europa. Nach Jahrtausenden des Krieges auf diesem Kontinent ist hier ziemlich wenig los durch die EU. Vielleicht vermisst Cameron die Aufregung.

Sollte unser Ziel also sein, die EU immer weiter zu verbessern, bis der Mr. Cameron uns endlich sexy genug findet, um dem Club so richtig beizutreten, wie der WDR es in seinem BREXIT-Song singt?

Oder sollen wir den Briten immer mehr Zugeständnisse machen, damit sie in Europa bleiben? Doch wann ist der Punkt erreicht, an dem man den Briten und anderen EU-Mitgliedern so viele Zugeständnisse gemacht hat, dass sie nur noch auf dem Papier Teil Europas sind?

Teil der europäischen Idee sind sie dann nämlich schon lange nicht mehr.

Eines ist klar: Wenn Cameron der EU noch länger auf der Nase herum tanzt, könnte man wirklich den Glauben in die Autorität Europas verlieren und wenn die Britin es dann geschafft haben, die EU auch allen anderen zu vermiesen, dann müssen wir halt alle selber gucken, wo wir stehen.

Denn das ist gewiss, in einer Welt, in der über 7 Milliarden Menschen leben, haben die 80 Millionen Deutsche sicherlich viel mitzureden. Nicht einmal die 500 Millionen Europäer würden einen wirklich großen Teil der Weltbevölkerung ausmachen, doch hätten sie wesentlich mehr zu sagen als die Menschen in dem kleinen Deutschland. Die 500.000 Menschen in Luxemburg haben dann ganz andere Probleme, doch wir sind ja generell ein kurzlebiges Völkchen; weshalb sollten wir uns so viele Gedanken über die Zukunft machen?

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