Deutschland und Frankreich: Von der Erbfeindschaft zur Friedensgarantie

Man hat sich an die Bilder gewöhnt. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel besucht ihren französischen Kollegen Francois Hollande. Beide machen gerade schwierige Zeiten durch. Terrorismus und Flüchtlingskrise hätten die deutsch-französische Freundschaft zerrüttet, berichten einige Medien. Als Zeichen dafür wird sogar dessen Anrede genutzt. Beide würden sich nur noch mit vollem Namen ansprechen und nicht mehr mit „Angela“ und „Francois“. Gewiss hat die deutsch-französische Beziehung schon einmal bessere Zeiten erlebt, doch es gab auch schon mal Zeiten, in denen sich deutsche und französische Staatschefs wohl nicht einmal die Hand geben wollten, geschweige denn den Gegenüber mit Vor – und Nachnamen anredeten.

Der aktuelle Status, die deutsch-französische Freundschaft wurde hart erarbeitet. Vor 70 Jahren war eine Aussöhnung dieses Ausmaßes natürlich nicht denkbar, umso wichtiger erscheint es in turbulenteren Zeiten auf diese Geschichte aufmerksam zu machen.

Im 17. Jahrhundert bewundern die deutschen Fürsten noch die französische Kultur und übernehmen dessen politisches System. Wer gebildet ist, spricht natürlich Französisch. Selbst der preußische König Friedrich der Große trifft sich mehrmals mit dem französischen Aufklärer Voltaire. Auch sein Schloss in Potsdam heißt nicht umsonst Sanssouci.

Erbfeindschaft prägt Generationen

Doch diese Vorbildfunktion hält nicht lange an. Die Französische Revolution markiert den Auftakt der sogenannten Erbfeindschaft, denn jede Generation beider Nationen ist in der Geschichte daraufhin in einen Konflikt mit dem Nachbarn verwickelt. Eine friedliche Lösung der Konflikte wird stets vermieden. Man versucht stets den Feind zu schwächen, der wiederum fühlt sich gedemütigt und holt zum Gegenschlag aus und so haben wir ein stetiges hin und her von Sieger und Verlierer, wobei es in diesem Konflikt insgesamt nur Verlierer gibt.

Durch die Französische Revolution mit den Werten Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit geraten die reaktionären deutschen Staaten im Heiligen Römischen Reich in Bedrängnis. Der sogenannte Flickenteppich durch die unzähligen Zwergterritorien, angeführt von Preußen und Österreich will sich nun gegenüber den Revolutionären wehren. Doch unter einem gewissen General Bonaparte schlagen die französischen Bürgerheere die Söldnerheere der Deutschen. Und das ausgerechnet gegen das an militärischer Selbstüberschätzung leidende Preußen. Es kommt zur französischen Besatzung im ganzen Reich und oberflächlich betrachtet ist das gar nicht so schlecht für die veralteten deutschen Strukturen. Napoleon macht aus dem Flickenteppich Staaten, die heute noch unser Land prägen, wie Bayern, Baden oder Württemberg. Außerdem gelten nun auch Grundrechte und die mittelalterlichen feudalen Bindungen werden aufgelöst.

Also profitieren die Menschen doch von der französischen Fremdherrschaft. Die Zeitgenossen würden das allerdings anders sehen. Neben der hohen Steuerlast stört sie auch die Fremdherrschaft. Der später so gefürchtete deutsche Nationalismus flammt erstmals auf, auch in der Literatur.

„Ich will den Hass gegen die Franzosen nicht bloß für diesen Krieg, ich will ihn für immer“, so hetzt Ernst Moritz Arndt das Land auf und prägt damit den Franzosenhass der Befreiungskriege. „Ich lehre meinen Sohn diesen Hass“ veröffentlicht er und begründet damit die Erbfeindschaft.

Nach den Befreiungskriegen sind also die Franzosen erst einmal die Besiegten, doch in der folgenden Zeit dienen sie erneut als Vorbild für die Deutschen und dessen Nationalstaatsbewegung. Durch ihre zahlreichen Revolutionen ermutigen sie auch die Deutschen zur Revolution, wobei man zugeben muss, dass die Franzosen dabei deutlich erfolgreicher waren.

Schließlich wird auch Frankreich wieder zum Kaiserreich, während drüben in Deutschland sich einiges tut. Unter preußischer Führung mit Otto von Bismarck wird der Nationalstaatsgedanke vorangetragen. Doch Bismarck ist ein Freund von Kriegen und kein Freund von Franzosen. Aus einem auf den ersten Blick belanglosen Konflikt über die spanische Thronfolge entsteht der deutsch-französische Krieg 1870/71. Die Deutschen sind klar überlegen und besiegen die Franzosen relativ schnell. Immerhin wird der französische Kaiser gefangengenommen und in Frankreich entwickelt sich eine Republik. Doch die Deutschen müssen ihren Erbfeind natürlich noch demütigen und ausgerechnet in Versailles das Deutsche Reich gründen und Elsass-Lothringen annektieren.

Zusammen mit dem Saarland erleben die Elsässer bzw. Lothringer die Erbfeindschaft wohl am stärksten. Durch das ewige hin und her der Sieger und Verlierer wechselt die Staatsbürgerschaft ständig von Französisch zu Deutsch und umgekehrt.

Diese ständigen Provokationen führen schließlich in eine riesige Katastrophe, den Ersten Weltkrieg. Beide Nationen besitzen definitiv eine Hauptschuld am Krieg und an den Millionen Toten. Aus diesem Grunde ist es das richtige Zeichen, dass Merkel und Hollande im kommenden Monat gemeinsam den Grausamkeiten von Verdun gedenken werden, die symbolisch für die Sinnlosigkeit des Krieges und der Erbfeindschaft stehen.

Doch die französischen Zeitgenossen sehen das ein bisschen anders und wollen sich an den Deutschen rächen. Natürlich wird der Friedensvertrag ausgerechnet in Versailles unterzeichnet, für die Elsässer und Lothringer geht es wieder nach Frankreich und mit den harten Bestimmungen machen die Franzosen den Fehler, die junge deutsche Republik so zu beeinträchtigen, dass sie den Nationalsozialisten weichen muss, um einen neuen Krieg zu provozieren.

Im Zweiten Weltkrieg müssen die Franzosen vier Jahre deutsche Fremdherrschaft ertragen und ihre staatliche Souveränität abtreten. Erst durch die Landung der Alliierten in der Normandie werden die Franzosen befreit und 1945 dann auch Nazi-Deutschland. Dabei darf man nicht vergessen, dass es neben den Résistance-Kämpfern auch zahlreiche Kollaborateure gab, die sich mit den Nationalsozialisten verbündeten.

Nach dem Krieg sieht es erst so aus, als würden die Franzosen den gleichen Fehler begehen, wie nach dem Ersten Weltkrieg. Sie beuten ihre Besatzungszone aus und verfolgen das oberste Ziel, Deutschland nachhaltig zu schwächen, was nach nun immerhin drei deutschen Invasionen ja auch verständlich ist. Amerikaner und Briten können die Franzosen dann doch davon überzeugen, einen westdeutschen, demokratischen Staat zu unterstützen.

Aussöhnung beschleunigt europäische Einigung

Wer anders als ein Lothringer könnte dann die deutsch-französische Aussöhnung beginnen?

Im Jahre 1951 wird dann die Montanunion auf Initiative des Lothringers Robert Schuman gegründet, ein Vorläufer der Europäischen Union. Beide Nationen prägen die Nachfolgeorganisationen von einer rein wirtschaftlichen Zusammenarbeit zu einer europäischen Union, halten in Krisensituationen stets zusammen und garantieren damit den Frieden in Europa. Die folgende Europabegeisterung der Menschen beerdigt die Erbfeindschaft.

Einen Meilenstein von dem wir heute noch profitieren markiert der Elysee-Vertrag. Adenauer und de Gaulle beschließen die Aussöhnung und sorgen für die Zukunft vor. Regelmäßige Treffen von Staatschefs und Ministern sind heute schon Routine geworden. Zahlreiche Projekte, wie der zweisprachige Fernsehsender ARTE resultieren aus dieser Kooperation.

Bisher haben die Bundeskanzler und französischen Staatspräsidenten immer prächtig harmoniert. Von de Gaulle und Adenauer bis zu Merkel und Sarkozy. Bei Merkel und Hollande ist man sich nicht ganz sicher, ob die beiden so harmonieren, wie ihre Vorgänger und das liegt nicht nur an ihrer Anrede. Zu Beginn gab es vor allem wirtschaftliche Differenzen und durch Flüchtlingskrise und Terrorismus wird die Freundschaft auf die harte Probe gestellt. Doch bisher konnte man sich stets einigen und auf der internationalen Bühne demonstriert man immer Geschlossenheit.

So viel zur internationalen Politik, vor allem aber soll die Jugend die deutsch-französische Freundschaft durch Austauschprogramme oder bilinguale Bildungsabschlüsse vorleben.

Wie sieht nun die Zukunft dieser Erfolgsgeschichte aus?

De Gaulle und Adenauer haben festgelegt, dass die Kenntnis der Sprache des Nachbarn eine Voraussetzung für die Freundschaft ist. Doch das Interesse am Nachbarn scheint bei der Jugend abgenommen zu haben. Anscheinend hat sich eine Routine entwickelt durch die man die deutsch-französische Freundschaft nicht mehr in dem Maße wertschätzt, wie vor 50 Jahren. In der Schule wählen die Kinder aus welchem Grund auch immer lieber die tote Sprache Latein, als Französisch, das von der Mehrheit als lästiges Pflichtfach angesehen wird. Nur die wenigsten von denen, die Französisch lernen, absolvieren Austauschprogramme oder haben Interesse an der Kultur des Nachbarn und es ist zu bezweifeln, dass es in Frankreich anders aussieht. Selbst Merkel und Hollande verständigen sich in englischer Sprache und geben damit kein gutes Vorbild ab.

Die deutsch-französische Freundschaft hat einen langen Weg von der Erbfeindschaft bis zur Aussöhnung hinter sich und wird in Zukunft mehr benötigt denn je. Denn wenn die deutsch-französische Freundschaft zerbricht, wird auch die Idee des vereinten Europas zusammenbrechen.

 

 

2 Gedanken zu „Deutschland und Frankreich: Von der Erbfeindschaft zur Friedensgarantie

  • April 20, 2016 um 4:21 pm
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    Sehr gut geschrieben! Die Wichtigkeit der deutsch-französischen Beziehungen für Europa sollte uns zu denken geben.

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